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Faris Al-Sultan im Interview

"Triathlon früher war eine ganz andere Nummer"

Die knappe Badehose war das Markenzeichen von Faris Al-Sultan – jetzt heißt es Abschied nehmen. Bei PowerBar hängt der Ironman-Weltmeister von 2005 seine Badehose endgültig an den Nagel. Im Interview spricht er über die Anfänge des Triathlons und erklärt, was seine Badehose mit Judoka-Anzügen zu tun hat. 

Frage: Faris, du hast gerade deine Badehose an den Nagel gehängt? Die Hose war dein Markenzeichen. Wie fühlst du dich dabei?

Faris: Noch kann ich kaum glauben, dass ich es wirklich mache. Aber ich bin überzeugt davon, dass es die richtige Entscheidung ist. Es wird mir nächstes Jahr sicher etwas fehlen, aber alt werden ist eben nichts für Angsthasen (lacht).

Frage: Deine Konkurrenten trugen aerodynamische Rennanzüge, die im Windkanal getestet wurden. Warum du nicht?

Faris: Als ich mit Triathlon angefangen habe, haben alle Triathleten so eine Badehose getragen. Und ich habe mich einfach nicht umgestellt. Es war für mich bequem und ich mochte die Hose. Ich habe das ja nicht gemacht, um bewusst ein Markenzeichen zu kreieren, so wie das heute vielleicht der ein oder andere macht. Das war einfach so. Das hast du nicht hinterfragt. So wie bei Judokas, die haben ja auch alle einen weißen Anzug an. Da fragt keiner, warum.

Frage: Hast du dir keine Gedanken gemacht, dass du einen Nachteil durch die Badehose haben könntest?

Faris: Das kam erst in den letzten drei Jahren, als viele mit Kleidung experimentiert haben. Da hat man festgestellt, dass gewisse Materialien einfach aerodynamischer sind als die Haut. 

Frage: In den letzten 20 Jahren hat sich im Triathlon viel getan. Du warst von Anfang an dabei. Wie sah der Sport zu Beginn deiner Karriere aus?

Faris: Das war früher eine ganz andere Nummer. Man hat sich beispielsweise anders ernährt. Ich kann mich noch an den ersten Ironman erinnern. Da haben die Jungs sich noch selbst versorgt. Das heißt, wir hatten einen Rucksack dabei oder haben an der Tankstelle angehalten. Zudem wurde teilweise mit Dörrobst experimentiert. Was passiert, wenn du sechs getrocknete Feigen während des Wettkampfs isst, kann sich jeder vorstellen. Da braucht man schon einen ganz besonderen Magen. 

Frage: Du bist seit über acht Jahren PowerBar-Athlet. Wie kam die Partnerschaft zu Stande? 

Faris: Ich war besonders an PowerBar interessiert, weil sie qualitativ extrem hochwertige und viele unterschiedliche Produkte anbieten. Das ist für einen Profisportler enorm wichtig und vereinfacht dein Leben extrem. Schließlich hast du sehr hohe Anforderungen im Trainingsalltag und willst zudem nicht immer den gleichen Riegel essen. 

Frage: Gibst du auch mal Feedback zu den Produkten? 

Faris: Natürlich. Ich habe den PowerBar-Mitarbeitern oft Rückmeldung gegeben und erklärt, was ich von den Produkten halte und wo es Verbesserungsbedarf gibt. Dieser ständige Austausch ist wichtig. Auch deshalb hat sich viel getan in den letzten Jahren. Das liegt aber nicht nur an mir, sondern an vielen Leuten, die immer wieder Rückmeldung geben. Es ist ja ein großer Unterschied, ob ein Wissenschaftler in einer stillen Kammer das Produkt bastelt oder ob es in Kooperation mit dem Sportler entwickelt wird. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Athleten das Produkt auch tatsächlich brauchen können. 

Frage: Inwiefern profitierst du dabei von deiner großen Erfahrung?

Faris: Natürlich kann ein Profi ein anderes Feedback geben, als ein Athlet, der nur ein Produkt am Tag zu sich nimmt. Als Profi hast du ganz andere Erfahrungswerte. Aber Einfluss auf Geschmacksrichtungen habe ich leider nicht (lacht).  

Frage: Na sowas! Dann hast du jetzt die Möglichkeit, deinen Geschmackswunsch loszuwerden.

Faris: Alles mit Schokolade ist immer super, weil es einfach gut schmeckt. Aber ich lass mich auch gerne überraschen.

Frage: In diesem Sommer hast du deine Karriere beendet. Wenn ein Sportler seinen Sport aufgibt, gerät er meistens in einen Zwiespalt. Der Kopf würde gerne weitermachen, aber der Körper kann nicht mehr. Sind bei dir Kopf und Körper inzwischen wieder Freunde?

Faris: (lacht) Ich habe das eher umgekehrt erlebt. Natürlich spielt das Körperliche eine Rolle, aber bei mir hat dann eher der Kopf gesagt: ‚Jetzt geht’s nicht mehr. Es ist genug‘. Ich hatte zwar seit April ein Wehwehchen, aber das war nichts Schlimmes. 

Frage: Du bist im Mai 2015 in Texas aus dem Rennen ausgestiegen und hast anschließend überraschend dein Karriereende bekannt gegeben. Was schoss Dir in dem Moment durch den Kopf?

Faris: Es war einfach der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich es nicht mehr will. Ich war nicht mehr bereit, die Opfer zu bringen, die notwendig sind, um weiterhin ganz vorne dabei zu sein. Und dann musst du auch aufhören. Es geht ja nicht ums Finishen. Ich brauche nicht noch ein Finisher-Shirt zu Hause. Davon habe ich schon ein paar. 

Frage: Adrenalin oder Schmerz – was vermisst Du mehr?

Faris: Das ist jetzt vielleicht noch ein bisschen zu früh. Ich vermisse noch fast gar nichts, weil ich für eine Karriereende-Depression und mein Rentner-Dasein bislang kaum Zeit hatte. Durch meine Abschiedstour und zahlreiche Verpflichtungen war ich geistig und körperlich immer auf Trab.
In manchen Momenten wird mir dann aber schon bewusst, dass ich nie wieder etwas so gut können werde wie Triathlon. Aber für alles zahlt man eben einen Preis. Und ich will einfach nicht mehr so viel trainieren und mehr Zeit mit der Familie verbringen. 

Frage: Was wird dir fehlen, wenn der Alltag irgendwann eintritt?

Faris: Der Lebensstil. Dieses stundenlange Radfahren und der Fokus auf dich selbst. Das vermisst wohl jeder Athlet. Es ist toll, sich einfach das Fahrrad zu schnappen, irgendwohin zu fahren und alles andere zu vergessen. Das ist jetzt nicht mehr so einfach. Den sportlichen Ausgleich und sportliche Ziele habe ich allerdings trotzdem noch. Ich fange ja jetzt nicht nächste Woche an, in einem Büro zu arbeiten, in dem ich von 9 bis 17 Uhr am Schreibtisch sitze. Sport wird immer ein zentraler Bestandteil meines Lebens bleiben.

Frage: Andi Raelert ist eineinhalb Jahre älter als du und landete bei der Triathlon-WM in diesem Jahr auf Hawaii auf Rang zwei. Hast Du Dir da nicht gedacht: Mensch, da wäre bei mir auch noch was gegangen?

Faris: Einen zweiten Platz auf Hawaii hätte ich sicherlich nicht mehr geschafft, aber eine Top-10-Platzierung wäre schon noch im Tank gewesen. Was Andi dort absolviert hat, war sehr, sehr beeindruckend. Er ist ja in meinem letzten Wettkampf in Texas ebenfalls ausgestiegen. Da haben wir uns sehr lange unterhalten und er wollte mich, wie einige andere Leute, noch überreden, weiterzumachen.
Alle wollten die Karriereende-Gedanken auf das schlechte Rennen schieben. Aber mir war klar, dass ich das ernst meine. Der Plan war eigentlich mit 39, also in zwei Jahren, in Rente zu gehen. Aber ich habe mich schon viel mit dem Karriereende beschäftigt, weil es ja ein sehr einschneidendes Erlebnis ist. Man muss sich anschließend neu orientieren. Ich bin ja nicht 60, geh in Rente und mache dann wirklich nichts mehr. Ich kann mich ja nicht zu Hause auf die Terrasse setzen und dem Gras beim Wachsen zuschauen.

Frage: Wie sieht inzwischen ein normaler Tag bei dir aus?

Faris: Ein wesentlicher Bestandteil ist natürlich unser Sohn. Ich bringe ihn morgens zur Tagesmama und versuche nachmittags, viel Zeit mit ihm zu verbringen. Ansonsten mache ich ausgiebig Sport und erledige Dinge, die zu Hause anfallen. Am Abend genieße ich es dann auch mal, wenn ich vor dem Fernseher sitzen kann und nicht mehr bis spät trainieren muss. 

Frage: Wie sehen Deine Pläne für die Zukunft aus?

Faris: Ich bin aktuell bereits für einen Triathleten als Trainer tätig. Ich will jetzt keine 20 Athleten, aber den ein oder andere würde ich schon noch dazu nehmen. 

Frage: Und wann ist der nächste Hawaii-Urlaub mit Strand- statt mit Triathlon-Badehose geplant?

Faris: (lacht) Ich war dieses Jahr zum ersten Mal nicht auf Hawaii und war auch ganz froh. Meistens war es ja so, dass du den Wettkampf gemacht hast und dann nach Hause geflogen bist. Eigentlich ist die ganze Inselgruppe so schön, dass man dort mehr Zeit verbringen kann. Einen Urlaub auf Hawaii könnte ich mir schon mal vorstellen.